Dez 302010
 
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FRANKFURT (Dow Jones)–Was für ein Jahr! Mit einem Zuwachs von rund 16% auf 6.914,19 Punkte hat der DAX die Prognosen der meisten Experten deutlich übertroffen. Nach der Erholungsrally 2009 hatten sich die Analysten zahlreicher Banken Ende vergangenen Jahres nur verhalten optimistisch geäußert. Von Dow Jones Newswires befragte Marktstrategen hatten im Schnitt mit einem Anstieg des DAX auf 6.219 Punkte gerechnet, was einem Zuwachs von moderaten 7% entsprochen hätte. (Foto: Dt. Börse)
Doch dank der starken Nachfrage gerade aus den Schwellenländern, den Restrukturierungen der vergangenen Jahre und dem zur Schwäche neigenden Euro-Kurs kam es anders. Die exportorientierte deutsche Industrie profitierte überproportional vom globalen Aufschwung, was zu deutlichen Gewinnen bei zyklischen Werten und besonders nach den Aktien der Maschinenbauer führte, was sich im Plus des MDAX von rund 35% widerspiegelte, der damit sogar den DAX weit hinter sich gelassen hat.

Aber auch im europäischen Vergleich kann sich der deutsche Aktienmarkt sehen lassen. Von einigen kleineren Börsen einmal abgesehen, entwickelte er sich weit besser entwickelt als die anderen großen europäischen Marktplätze.

Dass die runde Marke von 7.000 Punkten am letzten Handelstag des Jahres nicht gehalten werden konnte, ist dabei nur ein kleines Manko. Der DAX gilt bereits seit Wochen als überkauft und viele Marktteilnehmer gehen davon aus, dass es zu Beginn des kommenden Jahres zu einer Korrektur kommen könnte. Damit würde sich der Ablauf des vergangenen Januars wiederholen, als es zu einem Rückschlag von 10% gekommen war, bevor im Februar die Aufwärtsbewegung wieder aufgenommen wurde.

Das verkürzte Geschäft am Donnerstag gestaltete sich erwartungsgemäß ruhig, lediglich das Ausmaß der Verluste überraschte. Im Handel wurde auf dünne Umsätze verwiesen und charttechnisch bedingte Verkäufe verwiesen. „Nachdem die Stopps bei 6.980 und dann 6.950 Punkten gerissen worden waren, ging es ab in den Keller“, meinte ein Händler. Der DAX verlor 1,2% oder 81 Punkte. Umgesetzt wurden an DAX-Titeln auf Xetra rund 43,2 (Vortag: 38,8) Mio Aktien im Wert von rund 1,35 (Vortag: 1,26) Mrd EUR.

Zu den Einzelwerten gab es praktisch keine Nachrichten. SAP verloren 0,8% auf 38,10 EUR. Als Grund wurde im Handel genannt, dass Klaus Tschira, einer der SAP-Gründer, seine Beteiligung von 8,4% derzeit nicht verkaufen will. „Das lässt ein wenig Übernahmefantasie aus der Aktie weichen“, sagte ein Händler. BASF, einer der Überflieger dieses Jahres, gaben 2,7% auf 59,70 EUR nach.

Interessanter ist indes ein Blick auf die Entwicklung der vergangenen zwölf Monate. Stärkste Branche im DAX waren die Autowerte, die nicht nur von der wirtschaftlichen Erholung, sondern auch von einer unerwartet starken Nachfrage aus den Schwellenländern profitierten. Mit über 80% Gewinn waren VW und BMW die Spitzenreiter. Bei VW sprachen Händler zudem von einer Neubewertung des Konzerns, der durch die Integration von Porsche zum weltweit am breitesten aufgestellten Automobilhersteller avanciert ist. Ebenfalls stark zeigten sich MAN mit einem Anstieg von über 64%. Volkswagen hält rund 30% an dem Münchener Nutzfahrzeugbauer MAN und die Aktienmehrheit an Scania. Im Gespräch ist eine Fusion der beiden Lkw-Hersteller, die dann unter das Dach von VW schlüpfen könnten

Gefragt waren ferner die Chemiewerte BASF und Linde, die mit über 40% bzw 37% Anstieg seit Jahresbeginn den DAX ebenfalls klar übertroffen haben, sowie Siemens mit knapp 48% Zuwachs. Der Münchner Konzern profitierte von zahlreichen positiven Meldungen und überraschte mit dem Verkauf des Sorgenkinds SIS an die französischen Atos Origin.

Der Technologiewert Infineon setzte seine steile Erholungsbewegung mit einem Aufschlag von fast 80% fort. Das zur Zeiten der Finanzkrise noch als Wackelkandidat geltende Unternehmen erntete damit die Früchte seiner Restrukturierung und profitierte zugleich von der anziehenden Nachfrage nach Halbleitern, wobei die Ausrichtung auf die boomende Automobilbranche sich bezahlt machte.

Am Ende der Liste finden sich dagegen die Versorger. Mit Verlusten von 17% bzw 22% sind E.ON und RWE die mit Abstand stärksten Verlierer in diesem Jahr – und das trotz hoher Dividendenrenditen. Hier sorgten nicht endende Diskussionen über Laufzeitverlängerungen der Atomkraftwerke, zusätzliche Abgaben (Brennelementesteuer), Probleme mit der Genehmigung von Kraftwerksneubauten und hoher Investitionsbedarf in neue Stromnetze für Zurückhaltung der Anleger.

Im MDAX stehen überraschenderweise nicht die Maschinenbauer und Automobilzulieferer an der Spitze, sondern ein Medientitel und eine Aktie aus der Luxusgüterbranche. ProSiebenSat1 profitierten damit nicht nur von den wieder sprudelenden Einnahmen aus der TV-Werbung, sondern auch von der erfolgreichen Umstrukturierung des Konzerns. Die Aktie legte knapp 180% zu. Bei dem Bekleidungshersteller Hugo Boss hat sich die konjunkturelle Erholung in deutlichen steigenden Umsätzen und Gewinnen ebenfalls äußerst günstig bemerkbar gemacht. Die Titel stiegen um 137%.

Am anderen Ende findet sich ebenfalls ein Medienwert. Mit knapp 26% Verlust litt die Aktie von Sky unter der anhaltend schwierigen Lage des Bezahlsenders. Selbst die Aufholjagd der vergangenen Wochen, die auf den geringer als erwartet ausgefallenen Quartalverlust zurückgeführt wurde, vermochte hieran nichts zu ändern.

News Corp, der auch Dow Jones und damit diese Nachrichtenagentur gehört, ist an Sky Deutschland derzeit mit 49,9% beteiligt.

Abgeschlagen dagegen der technologielastige TecDAX mit lediglich 4,1% Gewinn. Hier wirkte die hohe Gewichtung der Solarwerte belastend. Fallende Preise für Module, niedrigere Subventionen für Solaranlagen und die Konkurrenz chinesischer Anbieter setzten Solarzellenherstellern wie Q-Cells erheblich zu. Mit über 70% Verlust war die Aktie denn auch stärkster Verlierer. Aber auch Roth & Rau sowie Solarworld mussten Halbierungen der Aktienkurse hinnehmen.

Ganz anders dagegen Adva Optical. Die Aktie des Netzwerkausrüsters gehört mit einem Anstieg von 132% zu den Profiteuren eines neuen Investititonszyklus der Mobilfunkunternehmen. Auf dem zweiten Platz liegen schließlich Dialog Semiconductor, die mit 124% Zuwachs als Zulieferer vom Erfolg der Smartphones profitierten. Auf dem dritten Platz finden sich Drägerwerk mit 118% Gewinn. Das Medizintechnikunternehmen profitierte von hoher Nachfrage aus Asien und den USA sowie dem Erfolg von Sparmaßnahmen.

DJG/mif/voi

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