Dez 302010
 

NEW YORK (dpa-AFX) – Die Wall Street wird sich nach Ansicht vieler
Experten auch 2011 weiter von der Finanzkrise erholen. Niedrige Zinsen und
höhere Unternehmensgewinne dürften die US-Börsen weiter antreiben. Die
Pessimisten dagegen rechnen mit einem steigenden Zinsniveau und halten die Krise
für noch nicht überwunden. Mit ihrer Auffassung sind sie jedoch in der
Unterzahl.

17 der 20 von dpa-AFX zusammengetragenen Kursziele von Börsenexperten für
den S&P 500 gehen von einem klar spürbaren Kursanstieg des
marktbreiten US-Aktienindex in den kommenden zwölf Monaten aus. Mit der WestLB
liegt nur eine Schätzung weit unter dem Jahresschluss 2010. Im Schnitt rechnen
die Analysten mit einem Anstieg des S&P 500 auf 1.358 Punkte. Das wäre der
höchste Stand seit September 2008 und entspräche einer Rendite von acht Prozent.

Aus technischer Sicht erwartet Robert Rethfeld von Wellenreiter Invest
insgesamt eine Seitwärtsbewegung an der Wall Street. Dabei sollten sich Anleger
von einem Rücksetzer im zweiten Halbjahr nicht überraschen lassen. Grund sei der
aktuell sehr hohe Optimismus an den Börsen. Dieser könne die Märkte zwar aus
Sicht des Börsenbriefautors kurzfristig noch etwas nach oben tragen, dann hätten
sich aber alle Käufer mit Aktien eingedeckt. Die Aufwärtsbewegung dürfte daher
mittel- bis langfristig ins Stocken geraten.

OPTIMISMUS ÜBERWIEGT MIT BLICK AUF 2011

Die Aktienstrategen von Nomura hingegen rechnen mit einer anhaltenden
Erholung der Börsen im Jahr 2011. Die niedrigen Anleiherenditen lösten weitere
Umschichtungen von Kapital an die Börsen aus. Angesichts des geringen
Zinsniveaus hätten sich die Risikoprämien für Aktien im Vergleich zu Renten
bereits erheblich ausgeweitet und in den Kursen seien nur schwache
Wachstumsraten eingepreist. Nomura hat die Gewichtung von US-Aktien im
weltweiten Portfolio erhöht, denn die Wall Street sollte zusätzlich von der
lockeren Geldpolitik profitieren.

Goldman Sachs stellt seinen Jahresausblick für die USA unter
den Titel ‚einfaches Geld, schwerer Aktienmarkt‘. Mit dem Blick auf ihr Kursziel
zählen die Analysten aber mit einem Plus von rund 15 Prozent in den kommenden
zwölf Monaten zu den größten Optimisten. Eine Beschleunigung des
Wirtschaftswachstums in den USA, das niedrige Zinsniveau und die Erwartung
geringer Inflation unterstütze von der makroökonomischen Seite die positive
Sicht der Wertpapierstrategen. Zudem sollten die Unternehmensgewinne weiter
sprudeln und ein solides Wachstum der Ergebnisse je Aktie von durchschnittlich
zehn bis zwölf Prozent im kommenden Jahr ermöglichen. Hinzu kommen ein
prognostizierter Dividendenanstieg von elf Prozent und eine wenig anspruchsvolle
Bewertung der Aktienmärkte als Basis ihrer Renditeprognose.

Jonathan Armitage von dem britischen Vermögensverwalter
Schroders blickt ebenfalls optimistisch ins Aktienjahr 2011: ‚Die Bewertungen
der US-Aktien erscheinen gemessen an ihrem langfristigen Durchschnitt immer noch
attraktiv, und in den Sektoren Energie, Industrie sowie diversifizierte
Finanzdienstleistungen bieten sich interessante Chancen.‘ Die großen
US-Unternehmen seien global aufgestellt und sollten von den hohen Wachstumsraten
in anderen Teilen der Welt profitieren, sagte der Leiter des Bereichs US-Aktien.
Die Rentabilität der US-Unternehmen sei immer noch gut, und die hohen
Kapitalzuflüsse brächten eine Renaissance von Fusionen und Übernahmen. Zudem
nehme die Belastung durch den amerikanischen Wohnimmobilienmarkt ab. Allerdings
könnte Protektionismus 2011 zur Gefahr werden, meinte Armitage.

SKEPTISCHE STIMMEN VERSTUMMEN ABER NICHT

Bedenken meldet Brian Ferguson für die New Yorker Bank BNY Mellon
an. So müssten sich Anleger mit noch nicht absehbaren Konsequenzen der
Gesundheitsreform, der Finanzreform und der Steuererhöhungen auseinandersetzen,
die auch für Unternehmen ein hohes Maß an Unsicherheit mit sich brächten.
Insgesamt sieht Ferguson die Börsen vor einem steinigen Weg. Die Konjunktur
dürfte sich zwar weiter schrittweise erholen, die Erwartungen aber erschienen zu
hoch. Dennoch setzt er langfristig auf eine weiter positive Aktienentwicklung
und rät Anlegern, Chancen zu nutzen, die sich durch kurzfristige Überreaktionen
der Märkte nach unten ergeben könnten. Solange die Fundamentaldaten unbeständig
blieben, so Ferguson, dürften die Börsen schwankungsanfällig reagieren.

Die WestLB rechnet mit einem zweigeteilten Verlauf des
Aktienjahres 2011. Während die Börsen zunächst noch Rückenwind von der
Gewinnseite und vor allem von Umschichtungen aus Renten in Aktien erwarten
dürften, lägen die größeren Herausforderungen in der zweiten Jahreshälfte. Die
Konjunktur und auch die Ertragslage schwächten sich dann wohl ab. Aktuell
signalisieren die Indikatoren der Analysten aus Düsseldorf eine
Wachstumsverlangsamung in den USA und auch im Euroraum. Dies dämpfe die
Perspektiven der US-Konzerne. Gleichzeitig sei ein fortgeschrittener
Renditeanstieg möglich. Anleger könnten dann das erhöhte Bewertungsniveau der
Aktienmärkte in Frage stellen und Kapital wieder in die Rentenmärkte
zurückfließen lassen./fat/la/wiz

Übersicht Kursziele S&P 500 (Ende 2011):
Deutsche Bank* 1.550 Punkte
Goldman Sachs 1.450 Punkte
Prudential 1.440 Punkte
JPMorgan* 1.425 Punkte
Barclays* 1.420 Punkte
Commerzbank 1.400 Punkte
Merrill Lynch 1.400 Punkte
Julius Bär 1.400 Punkte
Silvia Quandt 1.400 Punkte
Credit Suisse 1.350 Punkte
M.M. Warburg 1.350 Punkte
Berenberg Bank 1.325 Punkte
Allianz GI 1.320 Punkte
UBS* 1.320 Punkte
HSBC 1.320 Punkte
Citigroup* 1.300 Punkte
DekaBank 1.270 Punkte
Postbank 1.260 Punkte
BayernLB 1.260 Punkte
WestLB 1.200 Punkte
————————— (20)
Durchschnitt 1.358 Punkte
Quelle: eigene Recherche, (*)Bloomberg

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