Dez 272010
 

Eine einzige Verkaufsorder lässt den DAX-Future und den deutschen Leitindex binnen Minuten um mehr als 100 Punkte abstürzen. Der Hauptgrund dafür sei schlechtes Timing, sagen Händler. Anlass für den Auftrag war möglicherweise die Zinserhöhung in China. von Barbara Schäder Frankfurt

Kursrutsch an der Terminbörse Eurex: Der DAX-Future, ein Terminkontrakt auf den deutschen Leitindex, ist am Montag kurz nach Handelseröffnung um 9:06 Uhr um rund 150 Punkte in die Tiefe gerauscht. Binnen Sekunden verlor er damit zwei Prozent. Der Kassa-DAX wurde mit in die Tiefe gerissen, er stürzte binnen Minuten um 100 auf 6950 Punkte ab. Bis zum Nachmittag erholte er sich auf 6967 Punkte.

Auslöser war nach Angaben der Deutschen Börse ein großer Verkaufsauftrag auf den DAX-Future. Um Panik zu vermeiden, wurde der Handel mit dem Papier kurzzeitig unterbrochen. Auch der Handel mit dem Terminkontrakt auf den Euro Stoxx 50 wurde nach starken Verlusten vorübergehend ausgesetzt.

„So etwas hatten wir zuletzt beim ‚Flash Crash‘ sagte Christoph Schmidt, Analyst beim Wertpapierhändler N.M.F. AG, FTD.de. Als „Flash Crash“ wird der Kursrutsch an der Wall Street am 6. Mai bezeichnet. Damals brach der US-Aktienindex Dow Jones Industrial Average binnen Minuten um 1000 Punkte ein. Die meisten anderen wichtigen Indizes verloren daraufhin vorübergehend ebenfalls etwa neun Prozent.

Schmidt betont allerdings, anders als damals sei der Kursrutsch beim DAX-Future in erster Linie auf die geringen Umsätze zwischen den Feiertagen zurückzuführen. Nach seinen Informationen habe ein Auftrag über den Verkauf von einigen Tausend Kontrakten den Preisverfall ausgelöst. „Das sind eigentlich Peanuts“, sagte Schmidt. Wenn aber kaum Käufer auf dem Markt seien und der Verkäufer keinen Mindestpreis fordere, könne ein solcher Auftrag den Kurs stark drücken. Aus anderen Quellen verlautete, das Verkaufsvolumen habe bei weniger als 2000 Kontrakten gelegen.

Verkaufswelle in Gang gesetzt
Der Kursverfall wiederum verstärkt sich selbst, gerade wenn wenig aktive Händler am Markt sind. Denn er löst automatisch Verkäufe von Wertpapierbeständen aus, die durch sogenannte Stop-loss-Orders vor Verlusten geschützt werden sollen. Eine Stop-loss-Order führt dazu, dass bei Unterschreiten eines bestimmten Kurses das dazugehörige Wertpapier automatisch verkauft wird. Im konkreten Fall sei das „unglücklich“ für die Auftraggeber, sagte Schmidt.
Auch ein Sprecher der Deutschen Börse erklärte den Kursrutsch mit den geringen Umsätzen. Bis Montagmittag habe das Volumen aller an der Eurex gehandelten Terminkontrakte rund 800.000 erreicht, „normalerweise sind es zu dieser Tageszeit zweieinhalb bis drei Millionen“, sagte der Sprecher. Dies erkläre auch, warum neben dem DAX-Future auch der Terminkontrakt auf den Euro Stoxx 50 gefallen sei. „Da hat eine Verkaufsorder weitere ausgelöst, und die Gegenseite hat gefehlt.“

Dass einen Tag nach Weihnachten überhaupt größere Verkaufsorders eingingen, führen viele Händler auf die Zinserhöhung in China zurück. Die chinesische Zentralbank hatte am Wochenende den Leitzins für Kredite mit einer Laufzeit von einem Jahr um 0,25 Prozentpunkte auf 5,81 Prozent angehoben. Dies löste Befürchtungen aus, das Wachstum in der Volksrepublik könnte ausgebremst werden.

„Außerdem ist der Markt ein bisschen überkauft gewesen“, sagte Sophia Wurm von der Commerzbank mit Blick auf die Aktienrally der vergangenen Wochen. Vor diesem Hintergrund sei nicht erstaunlich, dass eine größere Verkaufsorder weitere nach sich ziehe: „So etwas trifft dann auf offene Ohren.“

Ein anderer Händler sagte FTD.de: „Da muss irgendwer gepennt haben.“ Wer in einem illiquiden Markt im großen Stil Terminkontrakte auf den DAX verkaufe, sei „ein Idiot“. N.M.F.-Analyst Schmidt äußerte den Verdacht, die Order sei möglicherweise durch ein Computerprogramm ausgelöst worden: „Ein normaler Händler würde da eher mal eine Limit-Order reinpacken, aber die Maschinen reagieren da sehr statistisch.“

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